Bürgertum: Der Mittelstand der Gesellschaft

Wie so oft wiederholt sich die Geschichte: Sobald eine neue Partei dabei ist, das Konstrukt des Establishment zu erschüttern, wird mit Dreck geschmissen, als sei die öffentliche Meinung die Energiewende der Etablierten. Ich denke, es wird Zeit, dem Bürgertum wieder eine Stimme zu geben. Es wird Zeit, alte Werte zu postulieren und die bislang noch schweigende Bildungsschicht zu aktivieren. Wenn Vordenken, konstruktive Kritik und Rückbesinnung auf Werteraster der aufgeklärten Gesellschaft rechtsradikal ist, dann ist diese Einstufung rechtsradikal.

Vor gut zehn Jahren hat Joachin Fest geschrieben, wie sehr ihm die Krawatten auf dem Kurfürstendamm fehlen, wie sehr T-Shirts und offene Hemdkragen ihm, dem anerkannten Historiker zeigen, dass es einen eklatanten Verlust der Bürgerlichkeit gäbe. Dieses Gefühl ist jetzt endlich auch im Bürgertum angekommen. Im Bürgertum, der Basis der AfD. Wir, die Bürger im Sinne eines Bürgertums sind es, die sich immer mehr am Verfall der so genannten Guten Sitten stören. Die in unseren Städten und auch auf dem Land zunehmenden gewalttätigen Übergriffe von Jugendlichen gleich welcher Nationalität, von organisierten Kriminellen, von Alkoholisierten oder von einfach nur dummen Menschen sind dabei nur der spektakulärste Ausdruck urbaner Dekadenz. Harmlos dagegen mutet dann schon die Dreckspur in der Stadt und auf dem Land an, die verrohte und nicht mehr an Ordnung gewöhnte Menschen hinterlassen: Reste von Grillfesten in öffentlichen Parks, Plastikmüll am Seeufer, zersplitterte Flaschen auf den Bürgersteigen. Leider ist es so: Wo Jugendliche und das Präkariat feierte, ist nach dem Fest kein Platz mehr für ordentliche Bürger.

Es gibt sie noch, diese ordentlichen Bürger. Es ist das Bürgertum, das die Gesellschaft trägt, wie es der Mittelstand für die Wirtschaft ist. Allein: Es findet keine Fürsprecher mehr – nicht in den Medien, nicht in der Politik. Und das muss die Politik ändern. Lustvoll, abwiegelnd und schönfärbend wird über den heutigen Jugendkult, Handy-Unkultur und Internet berichtet – fast süffisant aber lassen sich die Medien aus über den Bürger, der seinen Abfall entsorgt, wenn er heim geht, der mit dem Rad nicht auf dem Gehweg fährt, um Fussgänger nicht zu gefährden, der Musik in Zimmerlautstärke hört, um die Nachbarn nicht zu stören.

Statt hinter dem Jugendpack herzuräumen, im wahrsten und im übertragenen Sinne, könnte man doch mal aufräumen: Durch Polizeistreifen, durch Strafbefehle, durch Mitnahme auf die Polizeiwache. Warum denn bitte nicht? Warum denn immer wieder falsche Toleranz, anstatt das Bürgertum zu unterstützen? Giuliani hat aus dem Dreckskaff New York wieder eine saubere und im Alltag sichere Stadt gemacht. Ist das rechtsradikal?

Doch in Deutschland gilt eine solche Autorität als nicht schicklich. Toleranz wird pervertiert, denn immer mehr gelten die, die schweigend zusehen, wenn Präkariat und Jugendliche die Sau herauslassen, als tolerant. Und genauso wird der bürgerliche Ausdruck von Freiheit pervertiert, im realen Leben, wie auch im Internet: Freiheit gilt schon lange nicht mehr als die Freiheit, mit der sich der Einzelne sein zivilisatorisch eingefriedetes Territorium der Selbstentfaltung leisten kann.

Aber es bedeutet nun einmal nicht, sich die freiheit herauszunehmen, sich eigennützig und a-sozial solange zu gerieren, bis sich irgendjemand mutig entgegenstellt. Nein, es bedeutet, dass die Freiheit des Bürgers auch darin besteht, dass er nicht die Musik des anderen hören muss, dass er nicht den Anblick des weggeworfenen Mülls der anderen ertragen muss, dass er nicht die Aggression des anderen akzeptieren muss, dass er sich nicht das Hirn mit sinn- und inhaltslosen Fernsehsendungen der von ihm bezahlten öffentlich-rechtlichen Anstalten zukleistern lassen muss und dass er nicht als rechts im negativen Sinne eingestuft werden muss, weil er an Bürgertum und alten Werten festhält.

Doch wer denkt darüber heute noch nach? Die Smartphone-Generation, die Freiheit mit Grenzenlosigkeit verwechselt? Der Ungeist von „oben“ wirft Schatten auf die da „unten“, wo der Rest der Gesellschaft nun mal ist: In den öffentlichen Verkehrsmitteln,in Parks, an Seeufern, auf Promenaden, nachts auf den Strassen, tags auf den Gehwegen. Das Bürgertum braucht wieder eine Stimme. Das Bürgertum muss sich erheben. Das Bürgertum braucht eine politische Lobby.

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